Titelbild Aus weniger mehr machen!
Dez 10, 2020

Aus weniger mehr machen!

Den Strukturwandel auch im Vereinsleben aktiv begleiten und gestalten. Glaubt man den Demografen, sieht es nicht gut aus für den Landkreis Bautzen, seine Städte und Gemeinden. Derzeit leben hierzulande nach Angaben des Statistischen Landesamtes rund 300.000 Menschen. Die Bevölkerungsentwicklung ist weiter rückläufig. Auf 14,9 Sterbefälle pro 1.000 Einwohner kommen lediglich 9,9 Neugeborene. Gleichzeitig steigt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung.


Für 2030 wird der Anteil der 60 bis 99-Jährigen im Landkreis auf 42% prognostiziert. Im besten Erwerbsalter von 30 bis 50 Jahren sinkt die Zahl von 41 % (im Jahr 2018) auf 34 % bis 2030. Stabilisiert hat sich die Statistik und Prognose für die Menschen im Altersbereich bis 29 Jahre. Sowohl 2018 als auch gut 10 Jahre später werden 24 % der Gesamtbevölkerung im Landkreis Bautzen dieser Gruppe angehören. Zum Vergleich: 1988 waren es einmal 43 %. Nur jede bzw. jeder Vierte wird ein Mensch im Schul-, Ausbildungs-oder Berufseinstiegsalter von 30 Jahren sein.

Es ist schwer, vorherzusagen. Besonders die Zukunft.

So hatte selbst Wilhelm Busch, literarischer Schöpfer von „Max und Moritz“, seine berechtigten Zweifel beim Blick in die Glaskugel. Prognosen sind keine Vorhersagen, sondern statistische Auswertungen und Hochrechnungen, die eintreffen können, aber nicht zwangsläufig müssen. Ernst zu nehmen sind sie allemal, auch als eine Art Signal. So fällt es leichter, sich auf die neuen Gegebenheiten vorzubereiten. Der Bevölkerungsrückgang trifft nicht nur die größeren Städte wie Bautzen, Hoyerswerda, Kamenz und Bischofswerda, sondern ganz besonders den ländlichen Raum mit den vielen Dörfern.

Alle Gemeinden sind aufgerufen, sich über das Lebenswerte in ihrer Kommune Gedanken zu machen. Gefragt ist hier einerseits die Politik, andererseits das bürgerliche Engagement. Eine zentrale Aufgabe fällt dabei dem Sport, insbesondere dem organisierten Sport, zu.

Aktuell umfasst der organisierte Sport im Landkreis etwa 380 Vereine, in denen über 47.000 Mitglieder einer sportlichen Betätigung nachgehen. Insgesamt werden 76 Sportarten angeboten. Das ist eine gewaltige Größenordnung und unterstreicht die außerordentliche Bedeutung dieser bürgerschaftlichen Bewegung. Die Hälfte der Vereine haben eine Größe zwischen 25-99 Mitglieder. Gefolgt von diesem Wert sind es Vereine mit 100 bis unter 200 Mitgliedern (19%) ebenso wie Kleinstvereine mit weniger als 25 Mitgliedern. Großsportvereine, mit mehr als 500 Mitgliedern, gibt es im Landkreis lediglich sieben. In der gegenwärtigen Struktur liegt aber auch eine Chance. In Zukunft wird sich die Anzahl der Sportvereine verringern. Durch Zusammenschlüsse können die Kräfte gebündelt werden. Die Entwicklung hat bereits begonnen und wird sich in den nächsten Jahren beschleunigen. 

Sport ist mittlerweile nicht nur Sache der Vereine. Sie stehen in Konkurrenz zu anderen Arten der Sportausübung. In erster Linie sind hier natürlich die kommerziellen Sportstudios zu nennen. Nach einer Erhebung des Statistischen Landesamtes von 2017 sind in Sachsen 403.000 Menschen Mitglied in einem Fitness- oder Sportstudio. Der Landessportbund Sachsen weißt im gleichen Zeitraum über 650.000 Mitglieder auf. Im Landkreis Bautzen gibt es über ein Dutzend solcher Studios.

Das international tätige Beratungsunternehmen Deloitte bewertete die Situation auf dem deutschen Fitnessmarkt wie folgt: 13,4 % der Deutschen sind bereits Mitglied in einem solchen Studio, mit starken Wachstumsprognosen. Besonders die Discounter unter den „Fittis“ erfreuen sich gerade in den Großstädten einem großen Zulauf. Dabei kommt es den Mitgliedern, oder besser Kunden genannt, auf das wichtigste Fitnessformat an: Discountfitness und Mikrostudios. „Value for Money“, was nichts anderes als das Preis-Leistungsverhältnis ist, steht hier stellvertretend für ein Fitnesserlebnis, welches der Kunde erlangen möchte.

Doch was sagt dies alles nun über die Vereinslandschaft im ländlich geprägten Raum, ohne Großstädte und Unternehmen jenseits der 5.000 Mitarbeitermarke oder Stammsitze im Landkreis, aus?

Der Kreissportbund Bautzen erarbeitet derzeit unter Berücksichtigung dieser Herausforderungen einen Leitfaden für den organisierten Sport. „Wir haben uns die Prognosen angeschaut. So werden wir künftig, nehmen wir die aktuelle Vereinslandschaft als Bezug, mit weniger Menschen im Landkreis Bautzen auskommen müssen,“ ordnet Lars Bauer ein. Gemeinsam mit dem Präsidium befasst sich der Geschäftsführer des Dachverbandes mit den Perspektiven des Sports in den nächsten Jahren. Denn laut der vorgenannten Prognosen werden 2030 nur noch etwas über 280.000 Menschen im Landkreis Bautzen leben. Das sind ein Viertel weniger als 1990. Dies hat unmittelbare Konsequenzen für alle Lebensbereiche, nicht nur für die Vereinslandschaft im Sport. „Nun können wir ja nicht den Kopf in den Sand stecken und aufhören zu arbeiten. Es gilt die Herausforderungen zu meistern und den Vereinen neue Perspektiven zu eröffnen.“, richtet der Geschäftsführer den Blick nach vorn. Neue Modelle könnten beispielsweise Fusionen sein. „Warum sollten in ländlich geprägten Gemeinden nicht zwei kleinere Vereine zu einem größeren werden? Hier müssen natürlich ‚alte Zöpfe' abgeschnitten werden“. Die Not lässt selbst jahrelange Rivalitäten verschwinden. Lars Bauer verweist auf die durchaus stark vorhandenen Werte der Identifikation und Tradition, die oftmals noch aus Betriebssportgemeinschaften zu DDR-Zeiten ihren Ursprung haben.

Dieser Transformationsprozess ist nicht von heute auf morgen zu schaffen. Hier fällt auch wieder der Begriff des Strukturwandels. Der Kreissportbund Bautzen hat im Zuge dieser Überlegungen einen Projektantrag bei der Sächsischen Aufbaubank gestellt. Im Förderpogramm Demografie sollen diese Themen nun verstärkt behandelt werden. „Unser Ziel ist es aber, die handelnden Akteure, also die Mitgliedsvereine, Politik und Verwaltung, aber auch andere Teile von Wirtschaft und Gesellschaft mit ins Boot zu holen“, ergänzt Bauer.

Kommen wir aber noch einmal auf die Prognosen zurück. Manches Mal irrt selbst die Wissenschaft. Es gibt immer Entwicklungen, die nicht vorauszusehen sind. Schauen wir deshalb auf positive Trends. Die große Abwanderung in die westlichen Bundesländer ist gestoppt. Inzwischen kommen wieder mehr Menschen zu uns, viele davon sind Rückkehrer. Eine steigende Zahl Einwohner kehren aus unterschiedlichen Gründen den Großstädten den Rücken. Der ländliche Raum gewinnt langsam aber stetig an Bedeutung. Die Corona-Pandemie wird diesen Trend verstärken, die Digitalisierung tut ein Übriges. Niemand sollte jedoch auf ein Wunder hoffen. Der organisierte Sport muss seiner Rolle als Standortfaktor gerecht werden. Er kann es nicht allein, aber er kann viel zu einem lebenswerten Umfeld im Gemeinwesen beitragen. Deshalb müssen die Verantwortlichen in den Vereinen nach vorn schauen und aktiv die demografische Entwicklung mitgestalten.


 

Wie könnte nun der Sportverein 2030 aussehen?

Dieser Frage ist eine Arbeitsgemeinschaft bestehend aus dem Schwäbischen Turnerbund e.V., dem Niedersächsischen Turner-Bund e.V. und dem Schweizerischen Turnverband e.V. gemeinsam mit der Zukunftinstitut GmbH 2017 nachgegangen. Herauskam ein fundiertes und praktisches „Workbook mit konkreten Szenarien und Handlungsempfehlungen.
Demnach geben übergeordnete Entwicklungen kein bereits feststehendes Ergebnis in den Bereichen von Sport und Gesellschaft vor, wohl aber deren Tendenzen und Richtung – als mehrschichtige, komplexe Entwicklung ist ein sportlicher Megatrend sozusagen die Tiefenströmung künftiger Aktivitäten rund um Bewegung und körperliches Training. Sport treiben und sich immer auch sozial zu betätigen hängt heute schon und in den kommenden Jahren noch viel stärker von diesen sieben entscheidenden Aspekten ab:

  • Individualisierung: Identität wird zu einem kommunikativ-wechsel-seitigem Konzept, austauschbar und gerade durch Sport zu erweitern oder zu ändern,
  • Gender Shift: Geschlechterbilder gehen eine Fusion ein und die alten Rollenbilder verschwinden zusehends, das schafft Raum für mehr Individualität,
  • Silver Society: Älter werdende Gesellschaften stellen bei gleichzeitig längerer Gesundheit neue Anforderungen an sportliche Aktivitäten,
  • Wissenskultur: Technische Innovationen rund um Fitness und Freizeitgestaltung fließen in Zukunft immer mehr ein in die Strukturierung von Sportangeboten,
  • Gesundheit: Das Leben ohne Erkrankung, fit und kräftig in jedem Lebensalter, wird zum eigentlichen Ziel und Sinn und bleibt künftig nicht mehr nur bloß erstrebenswert,
  • Globalisierung: Transnationaler Austausch, ein hohes Maß an Mobilität und Aspekte wie die Urbanisierung haben direkten Einfluss auf lokale Sportangebote
  • Sicherheit: Zusammen mit immer umfassenderer Kommunikation und Vernetzung gilt es für Sport treiben neue, flexible Konzepte zur Vermeidung von Gefahren für die Aktiven zu entwickeln.

 


Welche Herausforderungen bieten sich dem Sportverein?

Berührt von diesen Strömungen und zugleich strukturell entwickelnd tätig sind aber nicht einfach nur die Sporttreibenden selbst, sondern immer auch die Angebote, die Organisationen und damit die Sportverbände, die anhand dieser gesamtgesellschaftlichen Megatrends ihren Beitrag leisten.

Sport wird in Zukunft natürlich weiterhin körperlich ablaufen und dazu technologische Besonderheiten, wie zum Beispiel beim E-Sport, heute schon noch viel intensiver einbinden. Die Vereine jedoch bekommen es mit weiterführenden Herausforderungen zu tun, die eine zu einem großen Teil andere Infrastruktur und vor allem Konnektivität erforderlich machen.

Daraus lassen sich 5 Thesen zur Zukunft des Sports zusammenfassend ableiten:

  1. ein flexibles Modell und Angebot zum Sport treiben, das die individuell höchst verschiedenen Anforderungen beim Zeitmanagement der Leute berücksichtigt,

  2. die Bereitstellung technischer Tools, die etwa mittels Sportbekleidung oder virtueller Vernetzung die Performance beim Training und im Wettkampf positiv fördern,

  3. Gemeinschaftsstrukturen, die durch eine intensive Nutzung von Sharing und Austausch als kulturell prägende Konstanten bestimmt sind,

  4. der Breitensport als künftig weniger dem Leistungsprinzip verpflichtete Beschäftigung, der viel mehr dem individuellen Training und der Gesundheit der Aktiven dient, sowie

  5. eine noch viel stärker ausgeprägte Diversifizierung und Pluralisierung sowohl der Sport Treibenden selbst wie auch der eigentlichen Sportangebote.


 


E-mail Facebook Twitter